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Warum Wien (noch) kein Startup Hub ist: Ein offener Brief an Michael Ludwig

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Wir Österreicher raunzen ja gerne, egal ob es gerade gut oder schlecht läuft, daher möchte ich gleich am Anfang eine Lanze für die Stadt Wien brechen. Wien ist anders und das ist auch gut so. Wien ist regelmäßig eine der lebenswertesten Städte der Welt und aus gutem Grund. Jeder der hier liebt weiß schnell warum: tolle Infrastruktur, ein hohes Bildungsniveau, günstige Mieten, das Tor zu Ost & West, Kunst und Kultur und natürlich: der Wiener Charme. Unternehmertum ist uns Wienern durchaus kein Fremdwort.

Auch in Sachen Standortattraktivität für junge Unternehmen – für Startups – ist Wien im internationalen Vergleich hoch angesehen. Immerhin schafft es Wien weltweit unter die Top-5 Städte bei der Startup-Talent-Anziehungskraft; mit Kapitalgebern wie Speedinvest, i5invest, weXelerate und Co wächst in Wien ein beachtliches Ökosystem für heranreifende Unternehmen heran. Mit 2 Minuten 2 Millionen setzt Pulse4 einen ordentlichen Kontrapunkt so SaturdayNightlife und Teenager werden Mütter und begeistert hoffentlich viele junge Menschen unternehmerisch tätig zu werden.

Eines muss man aber auch sagen: Wien ist anders (und das nicht immer zum Positiven)

  • Wien bringt viel zu wenige echte Start-Up Gründungen auf die Straße – bei fast 2 Millionen Einwohnern geht der Austrian Start-Up Monitor von weniger als 800 Start-Up Gründungen in Wien im Zeitraum 2004 bis 2017 aus.         
  • Wien ist überverwaltet: Stolz titelt die Stadt Wien auf ihrer Webseite: Die Stadt ist inklusive der Unternehmungen "Wiener Krankenanstaltenverbund" und "Wiener Wohnen" die größte Arbeitgeberin Wiens. Die Stadt Wien erbringt viele sehr wertvolle Tätigkeiten in hoher Qualität, aber von Verwaltungseffizienz und effektivem E-Government ist man weit entfernt.
  • Österreich und damit auch Wien ist geschäftsunfreundlich. Zumindest gibt es weltweit knapp 25 Länder, die laut Weltbank deutlich unternehmensfreundlichere Regulierungen aufweisen, darunter Deutschland, Skandinavien, Singapur, aber auch Länder wie Aserbaidschan oder Mazedonien. Das ist für Wien sicher auch nicht anders.

Alles schon gehört? Dann versuchen wir es mal mit einer persönlichen Anekdote – denn an Anekdoten lässt sich ja bekanntlich am einfachsten die Welt erklären. Letztes Jahr haben drei Kollegen und ich das Wiener Uhren-Start-Up JEDERMANN gegründet (jedermann-watches.com) und konnten Gründen und Unternehmersein in Österreich und Wien aus erster Hand erleben. 

Den richtigen Werbekanal auslotend – und von jugendlichem Ehrgeiz ergriffen – beschlossen wir, dass es eine gute Idee sei, in der Vorweihnachtszeit auf der Mariahilfer Straße Flyer verteilen zu wollen. Im Internetauftritt der Wiener Stadtverwaltung haben wir die Voraussetzungen dafür nachgelesen – überrascht waren wir dennoch, als wir zu einer mündlichen Verhandlung samt persönlich erschienenen Vertretern des 6. Und 7. Wiener Gemeindebezirks sowie der MA46 geladen wurden. Dort wurden wir gebeten, unser Vorhaben allen beteiligten noch einmal mündlich zu schildern. (MA46 und Vertreter von zwei Wiener Bezirken inklusive). Ja, Flyer verteilen halt. 8x4 Stunden wurden uns zugesagt – und der Bescheid mit einer Rechnung über 555€ zugestellt (Bildbeweis gerne auf Nachfrage). Uns kam das Spanisch vor – der WKO übrigens auch, die dann Österreichs besten Verkehrs- und Finanzjuristen mobilisierte und nach einer dreiseitigen Bescheidbeschwerde Recht für das nichtsahnende Jungunternehmen durchsetzte. Im Fazit also ein wahnsinnig personalintensiver Prozess mit durch Steuergeld finanziertem Personal auf allen Seiten. Effizienter Einsatz von Steuergeld geht anders. „Hätten sie halt nachlesen sollen, was es kostet“ sagen Sie? Haben wir, das bescheidfestsetzende Amt aber leider nicht. Am Ende: 140€ - man hat sich geeinigt. 

Zugegeben, eine Momentaufnahme, aber symptomatisch für das Unternehmersein in Wien. Die Geschichte von meinen verlorenen Lebensjahren in der Warteschleife der SVA – und von den anschließend gesprossenen grauen Haaren erzähle ich ein Andermal. Weitere Erfahrungsberichte habe ich genügend – gerne erläutere ich sie im persönlichen Gespräch. 

Herr Ludwig, 1.000 Mal haben wir es schon gehört – einmal habe ich sogar von der Verwaltungsreform geträumt. Leider blieb es bei einem Traum. Kein Traum, sondern Realität ist, dass die Wiener echten Unternehmergeist haben. Sie raunzen, aber sie tun auch. Sie sudern, aber sie krämpeln auch die Ärmel hoch. Wir verdienen den 1. Platz im Ranking der Startup-freundlichste Stadt – noch viel mehr verdienen die Unternehmer Wiens und Österreichs, die Furchtlosen, die Mutigen, die heute keine Angst vor dem Scheitern haben und morgen schon wieder aufstehen, gebührend unterstützt zu werden. (oder zumindest nicht durch die öffentliche Verwaltung unnötig belastet zu werden). 

Lassen sie uns „gebührend“ nicht wie im obigen Beispiel verstehen und gemeinsam neu definieren. Klingeln sie durch bei uns – wir freuen uns auf einen aktiven Beitrag zur Diskussion.

Ihr Achim Kaucic
Co-Founder & Geschäftsführer,
JEDERMANN

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